23 Grenzen der Philosophie - Sinnformative Lebenskunst

Vom Urknall
zur Erfahrung
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Grenzen und Philosophie

 
Aber nicht nur die Religionen beschäftigen sich seit Urzeiten mit den Phänomenen des Lebens. Schon sehr lange grübeln auch Philosophen über die existenziellen Fragen unseres Seins. Geprägt durch ihr Umfeld und im Kontext der jeweiligen Zeit haben sie immer wieder viele interessante Vorstellungen und Erklärungen zusammengetragen.

Aber wie hätten sie die Welt beschrieben, wenn sie damals über das Wissen unserer modernen Zeit verfüget hätten?

Wenn Platon schon das Kino gekannt hätte, wäre dann nicht die Felswand in seinem Höhlengleichnis eine Leinwand gewesen, auf der seine beschriebenen „Schatten der Wirklichkeit“, durch Filme entstehen, die wir uns gerade subjektiv anschauen und als völlig realistisch erachten?

Aristoteles, der systematische Denker, sah es nüchtern und nach Faktenlage. Für sein Ziel, eine möglichst große Glückseligkeit herzustellen, würde er uns auch heute genauso wie in der Antike mehr wissenschaftliches Forschen, mehr Bildungsförderung und ein verträgliches Miteinander verordnen.

René Descartes war in der Mathematik zuhause. Er wusste, dass die wissenschaftliche Erkenntnis nur einer sinnlichen Wahrnehmung und somit auch einem subjektiven Denken entspringt. Daher sei auch sie immer bis ins letzte zu hinterfragen. Den Sprung, es nicht nur als wissenschaftliches Problem zu sehen, sondern als evolutionäres Fundament unseres Erlebens, wäre für ihn wirklich nicht sehr groß gewesen.

Auch Immanuel Kant, der große, deutsche Philosoph der Erkenntnis, müsste seine „Kritik an der reinen Vernunft“ doch nur ein wenig umschreiben, und schon hätten unsere modernen Computerspiel-Entwickler die wichtigsten Algorithmen für ihre synthetischen Erfahrungswelten.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel sah „in der Ganzheit das Wahre“: Idee, Natur und Geist als Eins. Uns betrachtete er als ein sich langsam zur Vollkommenheit entwickelndes Wesen. Ich bin überzeugt: Den nächsten kleinen Schritt, das Leben als erlebbares Kunstwerk zu verstehen, würde er heute mit Blick auf unsere modernen Medien und Erfahrungsmöglichkeiten mühelos machen.

„Die Welt ist meine Vorstellung“ ist der erste Hauptsatz in der Philosophie von Arthur Schopenhauer. Und sie ist aus seiner Sicht letztlich „blinder, vernunftloser Wille“. Besser könnte man das Fundament, auf dem unser aller Erlebnis-Kino fußt, doch gar nicht beschreiben.

Um nicht zu verzweifeln und der Gefangenschaft der Äußerlichkeiten zu entkommen, sieht sich Søren Kierkegaard letztendlich einem unendlichen, absoluten unbekannten Gott gegenübergestellt, der die Ursache für die Unendlichkeit und die Freiheit des Menschen ist. Für ihn ist eine „Kreuzigung des Verstandes“ notwendig, bei der eine gehörige Portion Ironie und Humor sehr hilfreich sein kann. Auch er hätte sicherlich keine Probleme, das Erleben als Institution zu verstehen und ihr die Logik und den Verstand unterzuordnen – und alles wie bislang in seinen Vorstellungen getragen von einer unbekannten, göttlichen Ursache.

Karl Marx verstand den Lauf der Geschichte als Auseinandersetzung zwischen der besitzenden und der ausgebeuteten Klasse. Wie würde er heute urteilen, wenn er mit etwas mehr Leichtigkeit den dahinterstehenden Kampf für ein immer spektakuläreres Erleben entdecken würde?

Friedrich Nietzsche ging als Philosoph, aber auch als Wissenschaftler und Künstler an die Sache heran. Er hatte das Gefühl, „Gott könne nur tot sein …“. Was hätte er davon gehalten, sich Gott als Beobachter seines eigenen „Erlebens-Kunstwerkes“ vorzustellen – einen Schöpfer, der sich „klein macht“ und bewusst nicht mehr eingreift, um sich selbst von allem überraschen zu lassen? Sicherlich hätte auch er diese Sichtweise sehr interessant gefunden, und seine oft so finster gezeichneten Bilder von dieser Welt wären bestimmt etwas heller ausgefallen.


Christoph Heinzel
45529 Hattingen

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